io++010 - very old school podcasting: das tapezine BAND-IT erklärt 1982 die welt der kassettentäter

16.11.07, 17:00:47 von siemers
podcasting ist natürlich nicht im luftleeren raum entstanden, sondern wurzelt in zivilisatorischen errungenschaften wie beispielsweise den freien (früher mal: piraten-)radios, mix-tapes, strassentheatereien mit bänkelgesang, zeitschriften mit schallplattenbeilage und vielen anderen medien, die der schnellen und meist gezielten verbreitung und vermittlung von emanzipatorischen und multimedialen inhalten gewidmet waren oder noch immer sind.

in den frühen achtzigern des letzten jahrhunderts, als jede und jeder in mindestens zwei bands spielte und mit je wechselnden pseudonymen auch mindestens zwei solo-projekte betrieb, und absolut und immer jeden ton auf kassetten mit handgeschriebenem oder fotokopiertem cover und ohne aufwand instantly einem bald von der fülle des materials komplett zugemüllten und überforderten publikum zutragen musste und konnte und auch tatsächlich zugetragen hat, übernahmen einige aktivisten der bundesdeutschen kassettentäterszene die hehre aufgabe, sich den ganzen unfug, oder doch bedeutende teile davon, durchzuhören, nach radikal-subjektiven kriterien zu werten und zu wichten und die essenz moderierenderweise auf einem neuen kassettenprodukt zu veröffentlichen. der begriff "tapezine" (eine anglifizierte mischung natürlich aus kassettentonband und magazin; siehe auch ähnliche wortbedeutungsneubildungen wie "fanzine" oder eben auch "podcast") wurde sinnvollerweise, trotz aller spielerischen deutschtümelei (heimatklänge! deutsche welle!! neues deutschland!!! - eigentlich alles ziemlich eklig; damals aber tatsächlich ein subversives kampfmittel gegen die aufkeimende restaurierung traditionell widerwärtiger werte) direkt mit dem dort schon länger genutzten medium aus dem englischsprachigen freien teil der welt übernommen.

die metropolen der neuen deutschen musiken waren auf diesen tapezines und ganz besonders beim hier heute und auch in folge weiter zu betrachtenden BAND-IT deutlich unterrepräsentiert; in düsseldorf, hamburg und berlin gab es damals ordentliche schallplatten und sonst kaum was. an den rändern der metropolen aber zerfaserte der einfluss der innenstadtfront-oligarchen; suburbia, die provinzen der provinz und erste zaghaft von dummheit befreite gebiete der restrepublik ignorierten das pallasförmige produktionsmittelmonopol: TDK C-90, rank xerox und eine relativ billige bundespost waren das harte brot des revoluzzers.

der BAND-IT nun also war eines dieser tapezines, eine zeitlang sogar DAS bundesdeutsche tapezine. joe liebschwager und horst toe aus kulmbach haben insgesamt wohl so um die 20 ausgaben des BAND-IT verbreitet, später in schöner gediegener verpackung und an sämtlichen provinzen der welt orientiert, anfangs noch von hand vervielfältigt und mit selbstgestricktem xerox-chic für billiggeld auf konzerten und über das kassettentäternetzwerk vertrieben.

wir hören heute mal die dritte ausgabe des BAND-IT, vermutlich vom april oder mai 1982; weitere werden folgen. auf dem cover steht übrigens keine nummer, die überaus verdienstvolle punk disco listet diese ausgabe als nummer zwei: doch gleich am anfang des bandes werden die hörer von nummer drei begrüsst; das nehmen wir jetzt mal als gegeben hin. wir hören informationelles über und klangschnipsel von skala, zimt, der moderne man, nichts, zarter schmelz, gashahn auf, gorilla aktiv, e 601, leben und arbeiten, p16 d4, thomas kleinert, gerd neumann und manchen anderen in diversen tonqualitäten. weiterführende gedanklichkeiten und auch schon mal ein bild werden wie üblich irgendwann in der internationalen version zu finden sein.

handgemachtes podcasting von 1982 also: durchaus erhellend und bereichernd.

|>> BAND-IT 3

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