io++058 - weltaufstandsplan in düsseldorf 1978: GEH!

16.08.08, 16:07:51 von siemers
((nachträglich eingeschobene vorbemerkung zum folgenden: wir hören etwa 30 minuten übungsraumsituationen von der plan, pyrolator und richard gleim. datum, besetzung und zusammenhang der aufnahmen sind nur unzureichend geklärt; ein teil der klänge entstand wohl im zusammenhang mit dem film GEH!; anderes markiert wohl den übergang von weltaufstandsplan zu plan. alle pausen, brüche, stops und schwankungen sind so wie auf dem band vorgefunden: lediglich einige earpiercing clicks habe ich entfernt. sicher ist, dass hier die stimme von richard gleim zu hören ist; sicher ist auch, dass pyrolator am synthesizer spielte: alles weitere wird im folgenden mit "wohl" spekuliert. richard hat im nachgang zu diesem artikel seine erinnerungen an einige aspekte der aufnahmen ausführlich erleuchtend zusammengefasst; diese sichterweiterungen sind im kommentarteil dieses postings zu lesen.))

es geht los:

düsseldorf 1978. punk und sowas ist vom köcheln zum brodeln übergegangen, der fluxus-gärtner richard gleim ("ar/gee": für die nachgeborenen) widmet sich der ethnologischen foto-dokumentation und der weltaufstandsplan wird zum eigentlichen und echten plan verdichtet. quellenlage und chronologie sind zwar fragmentarisch vernebelt; doch wir stochern wohl ungefähr richtig im folgenden: wir sind also wie gesagt in düsseldorf; genauer gesagt: in der heinrichstrasse 87; noch genauer: im weissen raum der no time gallery. richard hat seinen post-irgendwiealles-film GEH! wohl so halbwegs fertig und nun sind einige menschen im keller versammelt um klänge für den soundtrack zu erforschen. (nebenbei gesprochen: der film wurde zwar auf einigen festivals in krefeld, herne und wohl auch geesthacht gezeigt, war aber nur als legende am rande des von experimentellen cineasten akzeptierten kanon; neuerdings ist eine 16-mm-kopie wieder aufgetaucht und wird wohl zur zeit digitalisiert: stay tubed...) zu hören wie gesagt ist richards stimme und das gerausche und getöne von pyrolator, der damals wohl noch nicht zum kern von plan gehörte. der straighte guitarrist bleibt im verborgenen: vielleicht der weithin verschollene kai horn oder tatsächlich bereits frank fenstermacher oder moritz reichelt aus dem original-plan-parallel-universum; andererseits führt auch eine deutliche spur zu franz bielmeier. nun gut; vielleicht können die protagonisten uns per kommentar erleuchten.

die ersten zehn minuten unserer heutigen aufnahme gehören also definitiv zu den arbeiten an GEH!; die folgenden 20 minuten allerdings geben weitere rätsel auf. in der fünften minute bereits ruft jemand das wort "plan!" während noch weiter am soundtrack geschraubt wird. ab der elften minute aber klingt es leise und sich dann steigernd nach einem soundcheck, der ab der zwanzigsten minute sich zu linearen pop-strukturen mit texten entwickelt; hier meine ich sogar, die stimme von robert görl zu hören ("ich liebe meine schreibmaschine..."); auch ein bass ist jetzt wohl präsent. ehe es dann zu sehr nach punk klingt bricht die aufnahme ab. es könnte also wohl eine anschliessende probe von plan sein oder ganz was anderes: alles sehr seltsam: aber sowas trug man damals wohl.

|>> plan geh! - 32 minuten white room

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  1. Richard Gleim sagt:
    Ich saß an einem grauen Tag, wir schreiben das Jahr 1979, übermüdet in der Straßenbahn, die irgendwo in der Stadt stehen geblieben war. Es kann eine Haltestelle gewesen sein oder auch nicht. Völlig egal. Ich schaute so vor mich hin. Ich kann sagen, ich schaute nichts. Doch neben mir durch die schmutzigen, beschlagenen Scheiben war zu sehen, wie Mensch nach und neben Mensch abwärts glitt. Eine Rolltreppe führte in den Untergrund. Das muss ich dann doch wahrgenommen haben.

    Ein paar Tage später, ich weiß nicht ob und wenn wie viel Rotwein ich getrunken hatte, damals war mein Rotweinkonsum relativ hoch, kam mir dieses Bild wieder. Menschen die auf einer Rolltreppe im Untergrund versanken. Unendlich. Unendlich. Mensch für Mensch. Bewegungslos. Nur beim Betreten der ersten Stufe immer dieses Stocken, dieses die Stufe richtig treffen müssen, das Umstellen von einem selbstverständlichen Gehen auf eine weniger selbstverständliche Art der Fortbewegung, des auf flutendem, metallischem Grund Stehens.

    Ich hatte gerade alles hingeschmissen, was nach Broterwerb, Job, der Berücksichtigung von Notwendigkeiten, die man zum Dasein zu brauchen angehalten war, aussah.

    So befreit und eine Zeit wahrnehmend, die nahezu alles möglich erscheinen ließ, sausten tausend Bilder durch meinen Kopf. ?Wenn Du willst, dass etwas passiert, dann mach es!? erreichte es einen eher lakonisch als proklamatorisch. Auf einmal waren nur noch Leute um mich herum, die irgendetwas machten. Ganz Düsseldorf schien nur aus Machern zu bestehen. Das ist ansteckend.

    Dieses Rolltreppenbild ging mir nicht aus dem Sinn. Nur wenige Tage später fand man mich im Ratinger Hof, Leute anquatschen, ob jemand jemanden kennt, der mir eine Super8-Kamera leihen könnte. Ich wolle einen Film drehen. Am nächsten Tag hatte ich eine tolle Leica. Ich kaufte ein paar dieser 3-Minuten Filmspulen und klaute derer ganz viele. Kein Geld. So war das nun mal. Am nächsten Tag, die Sonne schien, tauchte ich dann bei den Planleuten am Fürstenwall auf. Padeluun war gerade da. Den fragte ich, ob er nicht Lust habe mitzukommen, ich wolle einen Film von der Rolltreppe an der Flinger Passage drehen. Padeluun war sofort dabei. Frank Fenstermacher wollte auch dabei ein. Vom Pyrolator lieh ich mir noch ein Cassettengerät, ein ziemlich teures, stereofähiges Teil von Sony, aus, um damit Sound zum Film aufzunehmen. Da muss bei mir noch ein Tape existieren, das ich während eines Ganges durch die Altstadt aufgenommen habe. Das würde ich gerne wieder hören. Das nur am Rande.

    Wir drei trotteten also los. Angekommen baute ich die Kamera auf?s Stativ, legte den ersten Film ein und drückte auf Start. Padeluun sah ich dreißig Meter entfernt angetan mit seinem grauen Overall, dem charmantesten Lächeln der Erde und einen groß dimensionierten Vibrator in der Hand mitten im auf die Rolltreppe sich bewegenden Strom von Leuten, Hausfrauen anmachen. Das hatte zwar mit meinem Film nichts zu tun, aber so machte Padeluun eben sein Ding. Ich war damit beschäftigt, alle drei Minuten einen neuen Film einzulegen und den bespielten zu kennzeichnen. Frank Fenstermacher war mir behilflich und machte ein paar Fotos. Der Sony Recorder lag auf der Brüstung seitlich der Rolltreppe und nahm das Palaver der auf die Treppe Stolpernden, den Lärm von Presslufthämmern in einer riesigen Baustellengrube für die U-Bahn, Martinshörner von Polizei, Krankenwagen und Feuerwehr, gelegentliche Warnsignale, denen regelmäßig Detonationen folgten, wieder war ein Stück Untergrund gesprengt worden, auf, Bagger nahmen nach der Entwarnung ihr lautes Werk wieder auf und Baustellenfahrzeuge erweiterten den Lärm zu einer Orgie des Lärms.

    Der Film wurde so lang wie Filmmaterial vorlag. Sehr lang. Geschnitten, aneinandergeklebt und vertont. Fertig. Der Soundtrack besteht zu 99 Prozent aus Lärm. Nur der Anfang, den ich als Einstimmung zum immer gleichen Leuteabtauchenlassen ein paar Tage später drehte, bedurfte eines speziellen Soundtracks.

    Ich hatte damals dem Weltaufstandsplan ? oder war es schon der Plan 1979? ? den weißen Raum zum Proben überlassen. Was lag näher, als Pyrolator zu bitten, eben mal ein wenig Synthiegeheul zu produzieren, wozu ich meine ?Geh? Schreie loslassen konnte. Drei Takes und einer davon bereichert den Film.

    Was dann auf dem Band zu hören ist, muss danach und vielleicht etwas unter dem Einfluss des ?Geh?sounds entstanden sein. Anwesend waren Pyrolator, Frank Fenstermacher und Moritz Rrr. An weitere Personen kann ich mich nicht erinnern, was aber nicht bedeutet, dass da nicht noch andere waren. Bei dem vielen Rein und Raus und Der und Die und das tagaus tagein kann man das nicht mehr erinnern. War sowieso ein einziger Rausch.

    Der ?Geh?-Film ist ein dilettantisches Erstlingswerk, nervt und kann niemandem zugemutet werden. Er wurde im Thaliatheater in Hamburg angekündigt, lief dort aber nicht, weil dort kein Projektor aufzutreiben war, der eine so große Spule verarbeiten konnte, im Mitropa in Berlin sollte er gezeigt werden, doch als es soweit war, war der Film unauffindbar verschwunden und blieb es auch für die nächsten 4 Monate. Schließlich fand man ihn, als an den Heizkörpern etwas repariert werden musste, eben zwischen Wand und Heizung. Ich hatte das Teil schon abgeschrieben. Einmal ist er tatsächlich gelaufen. Das war auf dem Shvantz-Festival in Zürich. Ein ziemliches Spektakel. Es gibt noch andere Orte, an denen eifrige Leute den ?Geh?-Film zeigen wollten, angekündigt haben, dann aber meist wegen Fehlen eines geeigneten Projektors nicht gezeigt haben. Auch so entstehen Legenden.

    Zuletzt wurde er auf dem Filmfest der Filmemacher 1980 in einem Kino auf der Graf-Adolf-Straße halb gezeigt. Ich betätigte mich damals Haus- und Hoffotograf des Filmfestivals und hatte gehört, dass die dringend nach 8mm-Filmen suchten und hatte ihnen meine Riesenspule mit der Maßgabe angeboten, dass sie den Film nur im äußersten Notfall und dann am Ende der Vorführungen zeigen sollten. Das schon alleine deshalb, weil zu befürchten sei, dass alle Zuschauer das Kino verlassen würden. Daran hat die Bande sich aber nicht gehalten. Im Gegenteil. ?Das ist doch unser Fotograf. Den Film müssen wir unbedingt zeigen!? Es kam, wie es kommen musste. Bevor die Leute nun wirklich in Scharen das Kino verließen, wurde der Film mitten in der Vorführung abgesetzt.

    Ich erfuhr das, weil ich kurz danach zusammen mit Paul Verhoeven, den ich soeben zusammen mit seiner Hauptdarstellerin vor dem Kino abgelichtet hatte, er hatte gerade einen hohen Filmpreis erhalten, auf dessen Wunsch den Kinosaal aufgesucht hatte und die Leute dort nebenbei fragte, wie was denn bisher gelaufen sei. Die Leute waren sehr zufrieden bis auf einen Zwischenfall. Da habe jemand einen Film eingereicht, in dem permanent Leute ungeschnitten zu einem furchtbaren und unerträglichen Lärm eine Rolltreppe runterfahren. Der Film sei unter Buhrufen abgesetzt worden.

    Ich habe Verhoeven nicht erzählt, dass er neben dem Autor dieses Ärgernisses stand. Ich hätte es tun sollen.

    Am nächsten Tag in den großzügigen Räumen des Filmfestes auf der Berliner Allee, da wo alle sich trafen, wo ich meine ad hoc Aufträge bekam und Filmemacher und Schauspieler sich verabredeten oder Interviews gaben, die Fernsehstationen auf Berichtenswertes lauerten, äußerten ich so nebenbei eher scherzhaft und an nichts Besonderes denkend, dass gestern mein Film abgesetzt worden sei. ?Welcher denn? Wie heißt der denn?? ?Geh?, antwortete ich. ?Wie, Duuu bist das?! Davon habe ich schon viel gehört. Der Film ist doch Kult! Und ein richtiger Low Budget-Film soll das ja sein? Ich äußerte noch zaghaft, dass er mich so 100 DM gekostet habe. Da brach alles zusammen. Low Budget beim Film war zu der Zeit großes Thema. Da spielten sich Leute auf, die Filme, die eine Million Mark gekostet hatten, als Low Budget-Film priesen. Mit 100 Mark war ich für kurze Zeit eine Art Held. Fast alle wollten von dem Film schon gehört haben. Keiner hatte ihn gesehen.

    Als ich den Film Wochen später im Filmbüro wieder abholen wollte, war er verschwunden. Jetzt war er wohl endgültig weg. Perdu. In den ewigen Jagdgründen. Es dauerte mehr als ein halbes Jahr, bis er sich falsch eingeordnet in den Archiven des Filmmuseums wieder fand. Seitdem liegt er in seiner Schatulle in einem Holzkoffer in meinem Keller, d.h. zurzeit ist dieser Koffer einschließlich dieses Films mit vielen Spulen eines anderen Films, von dem Ausschnitte digitalisiert die Geschichte der ?Hostages of Ayathollah? auf DVD illustrieren sollen, wieder unterwegs. Ich bin mir diesmal aber ziemlich sicher, dass der Film nicht wieder verloren geht.

    Eine 16 mm-Kopie gibt es übrigens nicht. Es kann sein, dass das Gerücht aufkam, weil ich mal erzählt habe, dass Macher auf dem Filmfest, so munkelte man, Filme auf Super8 drehten, schnitten und vertonten und dann auf 16 mm aufblasen ließen, um so bei zwar wenig befriedigender Qualität jede Menge Geld, das sie nicht hatten, zu sparen.
  2. siemers sagt:
    danke, richard. so wird manches klarer. die 16 millimeter, geesthacht und robert görl habe ich übrigens natürlich zum zwecke der erschaffung neuer urbaner mythen frei erfunden und übrigens ebenso natürlich für die menschen eingefügt, die aus welchen gründen auch immer nach 16 millimeter, geesthacht und robert görl googeln. (google wurde übrigens ebenso wie die welt insgesamt natürlich von peter glaser erfunden; yahoo hingegen stammt von wenne)
  3. Richard Gleim sagt:
    Fortsetzung name dropping

    Das Gerat zum Schneiden und Kleben des Films hatte ich mir von Muscha ausgeliehen. Der war gerade damit beschäftigt, zusammen mit Trini Trimpop 'Humanes Töten' zu drehen. Auf 16mm Film.
  4. fritzi sagt:
    Das ist ja eine angenehme Überraschung.Archäologische Fundstücke aus meinem Keller. Ich mein, dass Pyrolator(?) nach dem GEH-Part 'Testbild' von Mittagspause spielt, ganz sicher bin ich mir nicht.
    Weiß wer mehr?

    grüsse au8s der Heinrichstrasse
  5. Moritz R sagt:
    Was is'n das für 'ne Aufnahme? Wer hat es aufgenommen, wer hat es hochgeladen?

    Pyrolator war nicht bei Weltaufstandsplan.
  6. siemers sagt:
    hallo, moritz. die wenigen bekannten fakten (aufnahme in der heinrichstrasse im weissen raum von richard gleim; pyrolator als gast, nicht als mitglied; insgesamt vorarbeiten zum soundtrack vom film "GEH!"), und viele anschliessende spekulationen sind im artikel beschrieben und in den kommentaren zu finden. die aufnahme hat mir richard vor etwa zehn jahren als kassette zur verfügung gestellt; er war mit einer veröffentlichung einverstanden; er segnet sie ja auch ab durch seinen ausführlichen kommentar.

    der artikel selber ist inzwischen von der zeit überholt; viele links führen ins leere und die faktenlage ist sicher inzwischen anders. doch für die forschenden archäologen bleibt der artikel sicher weiter interessant. aber natürlich: wenn du mit der veröffentlichung nicht einverstanden sein solltest, dann werde ich die klangdatei entfernen; das wäre allerdings sehrsehr schade.

    herzliche grüsse:
    ralf
  7. Moritz R sagt:
    Nein, musst du nicht löachen. Das Material ist so schlecht, dass es sich eh keiner anhört. ;.)

    Das was drauf ist, lässt sich wohl nicht 100%ig klären. Hier ist meine Theorie:

    1. RG Gleim - "Geh!" (Aufnahme bei RG Gleim, Heinrichstrasse, ob mit oder ohne Pyrolator, wer die Gitarre spielt und ob das NACH dem Rest des Tapes aufgespielt wurde, ist unklar.

    Danach aber: Probe bei RG Gleim ODER Gig im Okie Dokie (1978 oder 1979) als Der Plan:

    Besetzung: Kai Horn (Bass), Frank Fenstermacher (Vocals, Gitarre), Moritz Rrr (Korg, Vocals, Gitarre)

    2. „Und Dann” (instr)

    „Seid ihr alle da?”
    „Es spielt jetzt Der Plan”

    3. <Endloses Gefiepe>

    4. (Ich möchte fliegen im) „Düsenjäger über Beduinendörfer”

    5. „Ist das Leben überhaupt schön?” (Macht das Leben überhaupt Spass? Bin ich überhaupt glücklich?)

    6. Ich liebe meine „Stadtmaschine” (Ich kriege keine Luft mehr)
    (Beifall)

    7. „Lemminge” - (Es ist was im Busch - Bewaffnete Schatten. Es kommt mir so komisch vor, es ist so seltsam etc…) (Vocals: Fenstermacher, Solo-Git.: Moritz Rrr, Bass: Kai Horn)

    8. (bricht ab)
  8. siemers sagt:
    hallo moritz.

    danke für deinen segen und die ergänzungen. jetzt haben die forscher tatsächlich was zu tun...

    gruss: ralf

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