io++059 - ST42 beim anti-faschistischen festival in berlin am 28. september 1979.

19.08.08, 19:30:51 von siemers
man erinnert sich vielleicht: ich schreibe "anti-faschistisch" immer mit trennungsstrich (nicht: bindestrich!), um den abstand auch im begriff selbst zu verdeutlichen. und um nicht das wort mit ihnen teilen zu müssen wird das wort eben geteilt. man erinnere sich weiter: in io++049 war bereits ein stündchen musik vom anti-faschistischen festival zu hören; allerdings von den meisten bands nur ein stück. dank joost (damals: meniscus; später: VD und luzibär; jetzt: herzlutschen) sind nun einige bänder mit ausführlicheren klängen aufgetaucht: mono-aufnahmen aus der warteschlange vorm eingang; aber identifizierbar und herzerfrischend. nach und nach wird hier so manches dokumentiert werden.

wir beginnen also heute zufällig in nichtalphabetischer reihenfolge mit ST42. ralf zeigermann aka the cartoonist war damals der gitarrist. ihm habe ich vor einigen tagen die aufnahmen zum absegnen geschickt und er hat sie jetzt nach bald dreissig jahren tatsächlich zum ersten mal gehört. seine erinnerungsmaschine begann zu sprudeln und im folgenden überlasse ich ihm unredigiert das wort. das foto etwa aus der zeit zeigt von links nach rechts die weiter unten aufgeführten chris, thomas, renate und ralf. herr zeigermann, bitte sehr....

st42 1979



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An diesen chaotischen Tag, bzw jene chaotische Nacht kann ich mich allerdings noch gut erinnern. Berlin, diese geteilte und durchaus gar nicht so charmante Stadt.

Aber der Reihe nach. Ich hatte Gitarre bei Neat gespielt, doch kam es zu unlösbaren musikalischen Differenzen zwischen mir und der Band, wie das so oft geschah in diesen fröhlichen, aber auch seltsam harten Zeiten, jenen Zeiten, die akustisch angereichert waren von den schrillen Klängen der Damned, der Stranglers, Artery, der Vibrators, Wire, S.Y.P.H., Charley's Girls und auch ab und an von den Feedbacks der Sex Pistols und natürlich der Clash.

Jedenfalls stieg ich aus bei Neat und etwa Mitte 1978 wurden ST42 in Dortmund gegründet, mit Thomas, einem echten Rauhbein aus dem Dortmunder Norden als Sänger, Renate am Schlagzeug und Chris am Bass. Richtig die Instrumente bedienen konnte keiner von uns, singen konnte Thomas schon gar nicht, aber was machte das schon.

Wir hatten diverse Auftritte im Ratinger Hof in Düsseldorf, im Masterpiece in Dortmund, im Okie Dokie in Neuss und eines Tages verblüffte Thomas uns mit der Nachricht, daß er irgendwie (Thomas war da immer recht findig) einen Gig in Berlin bei "irgendsoeinem Festival" organisiert hätte.

Als der Termin näherrückte, war Chris schon nicht mehr dabei ‐ es hatten sich unlösbare musikalische Differenzen ergeben und so erklärte Bernd, der eigentlich Gitarrist bei den Clox war, sich bereit, als Bassist einzuspringen. Wir schoben noch eine schnelle Probe ein, befanden Bernd für gut genug und los gings.

Die Fahrt im Interzonenzug ‐ hieß das eigentlich damals noch so? ‐ war ereignislos, trotz unserer wilden Aufmachung wurden wir entäuschenderweise weder von Schaffnern noch von Grenzern belästigt und kamen irgendwann nachmittags in rechter Bierlaune (zu der Zeit gab es noch sogenannte "Speisewagen") in Kreuzberg an, wo wir auch rasch von Blitz begrüsst wurden, der, wenn ich mich recht erinnere, bei der berliner Band Katapult die Gitarre bediente und von Beruf Elektriker war, was ja irgendwie ziemlich gut zusammenpaßt.

Blitz begleitete uns zum Audimax, welches bereits brechend voll war und ST42 verfiel erstmal und fortan in gemeinschaftliche Panik. Da gab es doch tatsächlich eine richtige Bühne mit richtigem Publikum unten vor. Es war schon fast unangenehm; wenn man auf der Bühne stand und runterblickte, war unten alles schwarz von Menschen, wir hatten den Eindruck, es wären mindestens 30.000, achwas, 100.000 Wahnsinnige dort unten. Unsere Schlagzeugerin mußte sich direkt übergeben, allerdings leider draußen vor dem Audimax ‐ hätte sie's drinnen getan, hätte uns das wahrscheinlich einige Pluspunkte bei dem berliner Publikum einbringen können.

Wir waren relativ spät dran ‐ nach uns spielten, glaube ich, nur noch Katapult und Auswurf ‐ und man hatte uns in einem Raum hinter der Bühne untergebracht, wo wir weiterhin Trübsal blasen und unser Lampenfieber pflegen konnten. Allerdings waren in diesem Raum auch die Getränke untergebracht, die an das gemeine Volk weiterverkauft werden sollten. Dieser Weiterverkauf scheiterte zumindest teilweise daran, daß ST42 und die holländische Band Oneway Subway sich über die Bierkisten hermachten, mit dem Erfolg, daß Thomas und Bernd nicht nur nervös, sondern auch noch sturztrunken auf die Bühne stolperten.

Spätnachts also spielten, sangen und siegten wir. So zumindest unser Eindruck.

Für den Rest der Nacht hatte Blitz uns und vielen anderen eine Unterkunft in einer Kreuzberger Wohngemeinschaft verschafft, deren Mitglieder eine seltsame Mischung aus Anarchos, Punks, Hippies und Alternativen darstellte. Als ich frühmorgens aufwachte, weil ein riesiger deutscher Schäferhund zart, zugleich aber auch agressiv über mein Gesicht leckte, suchte ich in dieser irrgartenähnlichen Altbauwohnung erstmal das Klo, immer darauf bedacht den Hund nicht unnötig zu reizen, der meinen Abgang mit leicht ärgerlichem Knurren kommentierte. Die erste Tür, die ich öffnete, führte in eine fotografische Dunkelkammer, die sich auf den ersten Blick als ungeeignet für mein Vorhaben erwies, da es einfach zu dunkel darin war. Egal, ich musste dringend aufs Klo und stakste verzweifelt weiter den unendlich langen Korridor hinauf (oder hinab); hinter der zweiten Tür fand ich einen kahlen Raum, in dessen Mitte eine nackte Frau zusammen mit zwei nackten Männern auf einer Matratze lag und augenscheinlich alle tief schliefen. Dort in eine Ecke zu pinkeln, wäre mehr als unhöflich gewesen, auch wenn meine Bestürzung ob dieser nach kleinerem Gruppensex aussehenden Tatsache beinahe zu einer Spontanentleerung meiner Blase geführt hätte. Als nächstes fand ich die Küche, dann mehrere weitere schlafende Menschen in diversen Zimmern, Räumen und Kabuffs dieser entsetzlich großen Wohnung und nach unendlich langer Zeit (so kam es mir jedenfalls vor) schließlich auch das Klo; gerettet.

Renate und ich fuhren am gleichen Tag mit dem sozialistisch-demokratischen Zug wieder gen Dortmund, während Thomas und Bernd, mit Akustikklampfe und lauter Stimme ausgestattet, in Berlin noch zwei weitere Tage lang auf den Straßen Berlins ST42 Songs zum Besten gaben.

Wegen unlösbarer musikalischer Differenzen löste ST42 sich einige Monate später auf, um Anfang der achtziger Jahre in neuer Besetzung wiederaufzuerstehen, mit neuen und wahrscheinlich besseren Liedern. Aber das ist eine andere Geschichte, die hier überhaupt nicht hingehört.

Nach all den Jahren ist ausgerechnet jetzt und über verschlungene Umwege eine Cassette aufgetaucht, auf der ST42 live beim antfaschistischen Festival in Berlin zu hören sind. Von den etwa 10 Liedern, die wir dort gespielt haben, scheinen fünf davon in analoger und jetzt digitaler Form überlebt zu haben, sozusagen eingefroren für die Ewigkeit. Ich bin eigentlich nur froh, daß wir niemals richtig kacke waren, sonst wäre das alles jetzt hochnotpeinlich.

Hier sind sie nun, diese 5 Tracks:

1. Technik
Einer unserer typisch sozialkritisch-paranoiden Songs:
Elektroautos im Sauerland
Lightshow in der Saturday Night
Infrarot im Schweinestall
Bauern jetzt mit K-Energie
Technik über Wald und See

2. Speicherbänder
Schon 1979 sahen wir weise voraus, was da auf uns alle zukommen würde.

3. Notstand
Wieder ein hochgradig politisches Lied:
MPs im Dunkel
Schreie gellen
Helme blitzen
Polizei in den Gassen
Ruft den Notstand aus

4. Crazy George
Ein englischer Text, geschrieben von "Crazy George" himself, sympathisch deutsch vorgetragen von Thomas. George war einer der englischen Soldaten, die zu der Zeit noch in Dortmund stationiert waren und gehörte am Rande mit zu der fröhlichen Truppe dortmunder Punks. Jedenfalls singt Thomas im Refrain nicht etwa "He can't do nothing right" sondern vielmehr "Winnetou, naß und kalt", oder auch mal "Wer kommt hier, naß ich weiß".

5. Auschwitz
Au weia. Nach Berlin nannten wir den Song intern immer nur noch "Aus-Schwitz", da er uns den Ruf einbrachte, wir wären Nazis, was möglicherweise an dem etwas mißverständlichen Text gelegen haben mag. Was aber andererseits natürlich kompletter Hirnriß war, weil Nazis wohl nie auf einem antifaschistischem Festival gespielt hätten.

Nach all den Jahren habe ich diese Aufnahmen nun zum ersten Mal gehört und ich finde, so schlecht waren wir gar nicht. Und bedanken möchte ich mich bei Ralf, der mir den MP3 schickte und höchstwahrscheinlich hier an dieser Stelle veröffentlicht; bei Karin vom Guten Abzug und bei Joost von Luzibär für die Weiterleitung des Tapes und überhaupt bei allen für alles.

Ralf Zeigermann

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hier enden die zeigermannschen anekdötchen (man erkennt es leicht an der rückkehr der radikalen kleinschreibung) und jetzt folgt musik:

|>>: ST42 - live in berlin am 28. september 1979

Download MP3 (23,3 MB)

Alle Kommentare RSS

  1. The Cartoonist sagt:
    Wie, "radikale Kleinschreibung"? Tsk, sowas. Noch um 1800 herum wurden viele Dinge klein geschrieben, die jetzt groß geschrieben werden.

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