io++080 - sturclub und kindergartenkinder: ungehörsame improvisation 2005.

29.11.08, 18:24:36 von siemers
und plötzlich waren alle pädagogischen konzepte über den haufen geworfen, die musiker wurden vom enthusiasmus der kinder überrollt und es entstand eine neue musik. das war schön.

am samstag dem 14. mai 2005 besuchten die vier klangforscher der stuttgarter band sturclub den waldau-kindergarten in stuttgart-degerloch, um mit den kindern gemeinsam spielerisch und ergebnisoffen ungewohnte wege des musizierens zu betreten. david, uwe, werner und ralf wurden begleitet von karin und christoph von der berliner künstlergruppe bankleer, die die gesamte zweistündige aktion mit der kamera dokumentierten.

um zehn uhr am frühen morgen wurden im klavierraum dutzende von klassisch-bekannten musikinstrumenten und mehrere dutzend noch zu erkundende lärmerzeuger auf dem teppich arrangiert, die musiker atmeten noch einmal tief durch und rekapitulierten ihre musikpädagogischen und gruppendynamischen konzepte: und dann wurde die wilde horde auf uns los gelassen. und obwohl nur wenig mehr als ein dutzend kinder sich auf uns und die instrumente stürzten, so schienen sie uns doch wie hunderte und es begann ein lärm wie von tausenden. klasse. und was zunächst nur wie unstrukturierter krach klang wurde ganz schnell zu einem tongebirge, das schicht für schicht anwuchs und von allen kindern gemeinsam immer höher und lauter aufgestapelt wurde. ein spontaner spass, der viele möglichkeiten der kommunikation in sich barg und nach und nach offenbarte: manche kinder waren lauter als die anderen und wurden von den anderen gebremst, manche waren leiser und wurden von den anderen unterstützt, manche spielten alleine und wurden wieder in eine kleine gruppe zurück geholt. die musiker, künstler und die kindergärtnerinnen spielten einfach nur mit, fröhlich grinsend, ohne einzugreifen; nur manchmal musste kurz die handhabung eines unbekannten instrumentes im spiel demonstriert werden, alles andere regelten die kinder unter sich.

eine halbe stunde hielt sich dieser kollektive lärm auf sehr hohem niveau. es folgte eine etwas ruhigere phase, in der wir geräusche ohne instrumente und nur mit geschlossenem mund erzeugten, uns an verschiedenen geschwindigkeiten und rhythmen versuchten und auch mal einen moment lang nur auf den nächsten ton warteten. und jede struktur, die die musiker erklärten und als konzept vorzugeben versuchten, wurde tatsächlich ein bis zwei minuten von den kindern akzeptiert, kurz durchgehalten und sofort wieder von selbst erfundenem lärm konterpunktiert und verstört. klasse. dann gab es wunderbare dinge zu essen und die musiker konnten sich endlich ein bisschen ausruhen. doch schon bald ging es weiter: das klavier wurde von aussen und innen erkundet, die klanglichen möglichkeiten von aluminiumfolie wurden erforscht und die grundmauern des kindergartens wurden auf stabilität gegen unglaublich laute schallwellen getestet. um kurz nach zwölf war alles vorbei. eine letzte zugabe bekamen die musiker noch von den kindern, dann endlich durften auch die eltern sich kurz und zaghaft an den instrumenten versuchen. schwamm drüber. die kids waren besser.

zur weiterführenden erbauung empfehlen wir "the great learning" von cornelius cardew (deutsche grammophon 1969), "free jazz und kinder" von peter brötzmann, fred van hove und han bennink (free music production, berlin 1971) und natürlich sturclub.

es folgt ein langer und nur behutsam editierter ausschnitt dieses wunderbaren vormittags.

|>> sturclub und kindergartenkinder - lauter zukunft

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