spurensicherung - roots and traces #037. der grosse minimalist richard wagner.

13.02.07, 22:05:37 von siemers
tatsächlich hat ein viertel meiner abonnenten auf podster.de nach der letzten sendung die subskription beendet. die dokumentation der expliziten sprache der sonst als pflegeleicht geschätzten rolling stones war vielleicht dem einen oder der anderen zu gewagt, zu direkt, zu obszön. seltsam, dass worte wie schwanzlecken oder arschficken immer noch empörung auslösen, während die eigentlich obszöne und uns allgegenwärtig belästigende (politische) pornographie gleichgültig bleibt: vor laufenden kameras verhungern täglich etwa 20.000 kinder, und menschen mit einem tageseinkommen von 1.000 euro entscheiden kaltlächelnd, dass ein drittel ihres eigenen tagessatzes ja wohl gut ausreicht, einen sozialschmarotzer über den monat zu bringen. das ist obszön. und eben nicht die der wut geschuldete gossensprache. doch diese kurze mundgerechte analyse ist eben genau nur das: gerecht lediglich mit dem mund.

ein weiteres beispiel für den missverstand mancher musikrezipienten ist natürlich richard wagner, der okkupiert wurde vom faschismus und vom bildungsbürgertum (das sind nicht immer unbedingt synonyme). wir hören eine aufnahme aus berlin vom 20. august 1913. im dritten akt der walküre singt walter soomer als wotan das stück "loge, hör´! lausche hieher!", begleitet von einem anonymen orchester unter der leitung von bruno seidler-winkler (gramophone 042416; mx 1132 s).

der als bombastisch, pompöös und grössenwahnsinnig missdeutete wagner klingt für meine ohren hier wie ein vorläufer der minimal music von steve reich, terry riley oder la monte young: repetitive verschichtungen und fröhliche verschiebungen, tänzerisch stolpernd mit der leichtigkeit sich verschiebender kontinentalplatten. damals waren gute drogen noch legal und sauberer und inspirierender.

|>> richard wagner - aus dem dritten akt der walküre, 1913

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